Odysseus war kein perfekter, aber schlauer Mensch. Dieses Buch gibt Anstöße, wie komplexe Realitäten gemeistert werden können.

Zunächst bin ich über den Titel gestolpert. „Wieso schlau statt perfekt? Ein merkwürdiger Gegensatz“, dachte ich. Dann fiel mir Odysseus ein, der mit immer neuen Einfällen in der Antike die Gefahren meistert. Er wird auch der Listenreiche genannt. Nach dem Lesen des Buches sage ich: Diese Assoziation passt. Die Realität hat immer viele Facetten und es gilt, jeweils die richtige Antwort, sprich List, zu finden.

Stefan Fourier nennt die herausfordernde Realität „Komplexität“. Die Besonderheit des Buches liegt darin, keine Definition des Begriffes zu geben, sondern  unterschiedliche Erfahrungen mit Komplexität aufzugreifen. So zeigt sich Komplexität für den Einzelnen häufig als Quelle von Belastung und Überforderung. Im System Unternehmen wird Komplexität sehr oft zur Ursache von Regelungswut, Vorschriftenwust oder Überkontrolle in Prozessabläufen.

Der Autor stellt  Lösungsansätze aus seinen beratenden Tätigkeiten vor. Nach seiner Erfahrung neigen Menschen dazu, nicht nur die an sie gestellten Aufgaben perfekt zu erledigen, sondern sie wollen selber perfekt sein. Diese Antwort auf die komplexen Anforderungen kann letztlich nur zu Frustration und Burn-out führen. Menschen landen in der Perfektionsfalle. Perfektionsfalle bedeutet, dass jemand seine Ressourcen nicht zu einhundert, sondern zu einhundertundzwanzig oder noch mehr Prozent ausnutzt. Der Autor schlägt vor, einen neuen Umgang mit den persönlichen Ressourcen zu praktizieren. Achtzig Prozent reichen aus. Es wird unterstellt, dass auch mit achtzig Prozent der Ressourcen alle Aufgaben erledigt werden können. Es gilt herauszufinden, an welchen Stellschrauben gedreht werden kann, um die „80-Prozent-Idee“ umzusetzen.

Die entsprechende Herausforderung stellt sich auch für das komplexe System Unternehmen.

Damit die „80-Prozent-Idee“ nachhaltig umgesetzt werden kann, müssen Manager lernen, welche Ressourcen dafür genutzt werden können. Dabei gelten für Fourier folgende Voraussetzungen:

  • Die Ressourcen liegen, was der Autor mit verschiedenen Beispielen unterfüttert, im Bereich des Social-Management.
  • Dafür gibt es keine Kochrezepte, die für alle Situationen in gleicher Weise passen.
  • Die Rezepte müssen die Akteure selber zusammenstellen.
  • Komplexitätsprobleme werden durch eine Erhöhung der Komplexität im Miteinander der Akteure gelöst.

Das Buch führt den Leser durch einzelne Bereiche des Social-Management und provoziert ihn immer wieder mit dem Gedanken, wie es gelingen kann, mit Hilfe der „80-Prozent-Idee“ Komplexität zu „meistern“ (Fourier). Erforderlich ist dafür ein Zusammenspiel aller Akteure. Egal ob es um die für Fourier entscheidenden Erfolgsfaktoren Sinn, Vertrauen, Offenheit und Verantwortung geht, um verbindliche Regeln und die Reflexion ihrer Bedingungen, um Kommunikation oder um das Agieren in funktionalen und informellen Rollen.

Der Gewinn der „80-Prozent-Idee“ ist aufgrund von Überforderungserfahrungen einleuchtend.

  • Die Akteure gewinnen Ressourcen, um flexibel und entspannter auf Unvorhergesehenes reagieren zu können

Es gelingt dem Autor sehr gut, dass er den Leser mit anschaulichen Beispielen zum Mitdenken herausfordert. Die besonnene und lebendige Darstellungsweise spiegelt wider, dass der Autor aufgrund von Erfahrungen weiß, dass Lösungen nicht verordnet, sondern gemeinsam entdeckt werden müssen. Ich füge hinzu: Odysseus war auch nicht alleine unterwegs. Die „80-Prozent-Idee“ ist keine durch ein präzises Maß ausgewiesene Größe. Sie ist eine Idee, die ich für alle diejenigen bedenkenswert finde, die wie Fourier davon ausgehen, dass die entscheidende Ressource im Miteinander der Akteure zu entdecken ist.

Die Übungen am Schluss des Buches bieten Einzelnen eine gute Basis, um sich mit verschiedenen Aspekten des Themas vertiefend auseinander zu setzen.

Wer dazu tendiert, technisch messbare Lösungen für Komplexität zu favorisieren, der kann sich durch dieses Buch entweder zum Widerspruch oder zum Perspektivenwechsel herausfordern lassen.

Fazit: Ein anregendes, auf Erfahrungen basiertes Buch, das gut zu lesen ist und am meisten Gewinn bringt, wenn ich als Leser mitdenke.

Dr. Alfred Schultz, Amazon, November 2015

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