Anliegen

Veränderungen passieren einfach.
Alles ist im Fluss.
Wir müssen uns den Veränderungen anpassen.
Wir können eh’ nichts dagegen machen.

Solche Sätze hört man häufig, auch von denjenigen, die für Führung verantwortlich sind. Sie kommen meist aus einer Haltung von Hilflosigkeit einem Phänomen gegenüber, das man nicht „in den Griff“ bekommt. Das Phänomen heißt Wandel.

Manchmal ist damit der globale Wandel gemeint, manchmal gesellschaftlicher Wandel, manchmal Veränderungen in Unternehmen oder die Veränderung von Menschen. So diffus dieser Begriff verstanden und verwendet wird, so einheitlich ist dagegen seine qualitative Beurteilung durch die allermeisten Menschen. Sie ist nämlich negativ.

Zwar sprechen viele von „Wandel als Chance“ oder „Krise als Chance“, aber das klingt meist wie Pfeifen im Walde. Bereits die emotionale Nähe, die viele Menschen zu den Begriffen Wandel und Krise empfinden, ist verräterisch. Niemand wird sich in einer ernsten, ihn selbst betreffenden Krise wohlfühlen. Es gehört im Gegenteil sehr viel Kraft dazu, mitten in einer Krise deren positive Aspekte zu finden. Die meisten täuschen Optimismus vor, weil das Zeigen von Angst weniger den gesellschaftlichen Erwartungen entspricht.

Es gibt zwei Möglichkeiten, aus dieser Negativdisposition gegenüber Krisen und Wandel herauszukommen. Die erste besteht schlicht darin, bereits viele derartige Situationen erlebt zu haben. Dabei kann man lernen, dass trotz mitunter großer Verluste danach das Leben irgendwie weitergeht – alles nicht so schlimm wie befürchtet! Und manches wird durch den Wandel sogar besser. Allerdings besteht auch das Risiko, dass der eine oder andere nach der durchlebten Krise nicht wieder aufsteht, sondern endgültig am Boden zerstört, an der Krise gescheitert ist. Außerdem ist der Weg des Erkennens durch eigenes Erleben ein langer und steiniger Weg.

Die zweite Möglichkeit besteht in der Nutzung des Wissens anderer. Wir können etwas über das Wesen von Wandel, Veränderung und Krise lernen, es begreifen. Das Wissen um dieses Phänomen ermöglicht uns nicht nur Reaktion, sondern auch Prophylaxe. Aus der wissenden Position können wir agieren und ab einem bestimmten Grad von Wissen sogar die Phänomene steuern. Die Stärke unseres steuernden Einflusses ist je nach konkreter Situation sehr unterschiedlich, aber das Wissen und dessen professionelle Anwendung eröffnen uns durchaus Chancen des bestimmenden Eingreifens.

Für die Gesamtheit der in dieser Monografie vorgestellten Axiome und Modelle benötige ich einen Sammelbegriff. Nach längerem Zögern habe ich den Ausdruck „Dynamische Theorie des Wandels“ gewählt, obwohl ich weiß, dass dies viel zu weit gegriffen ist.

Diese Dynamische Theorie des Wandels bietet eine Verständnisgrundlage für das Phänomen des Wandels. Sie hält keine Lösungen für einzelne Fälle parat, sondern fordert und ermöglicht eigenes Weiterdenken auf der Grundlage ihrer Denkansätze und  modelle. Dadurch aber sollte es möglich sein – und viele Beispiele beweisen das inzwischen –, Veränderungssituationen zu steuern, Wandel zu beeinflussen und Krisen zu meistern.

Die Dynamische Theorie des Wandels ist im Feld sozialer Systeme angesiedelt. Dabei beziehe ich mich hier auf Unternehmen, Staaten, Kommunen, Gruppen und Teams, Institutionen und Familien. Die Theorie soll nicht alle Aspekte sozialer Systeme erklären, wohl aber Mechanismen ihrer Entwicklung und Veränderung beschreiben. Sicher lassen sich die Phänomene des Wandels auch auf andere Weise interpretieren; jeder Absolutheitsanspruch wäre hier äußerst anmaßend und wird deshalb auch ausdrücklich nicht von mir erhoben. Außerdem wurden sicherlich manche Aussagen bzw. Teilaspekte der Theorie bereits von anderen Autoren auf andere oder ähnliche Weise formuliert, so dass ich auch auf jeden Originalitätsanspruch verzichte.
Jedoch bietet die Dynamische Theorie des Wandels eine verlässliche und in vielen Fällen anschauliche Orientierung in Veränderungssituationen. Sie interpretiert Beobachtungen und Zusammenhänge und schafft einen erwiesenermaßen brauchbaren Unterbau für die Steuerung von Wandel von und in den sozialen Systemen.

Beim Lesen sollten Sie sich immer die Frage stellen, was Ihnen die vorgeschlagenen Axiome und Modelle  in Ihrer konkreten Situation, bei der Lösung Ihrer Aufgaben, nützen könnten: „Angenommen, was da steht, stimmt – was bedeutet das für mich?“ Aus derartigen Überlegungen, quasi dem Weiterdenken meines theoretischen Angebots, können nützliche Handlungsalternativen für jeden Einzelnen und für konkrete Situationen entstehen. Und um die geht es letztlich.