Die Inszenierung: Das Drama selbst gestalten, statt sich ihm auszuliefern
Der Springbrunnen im Innenhof des »Clayton« verströmt angenehme Kühle nach einem heißen Tag. Im hinteren Teil des Restaurants, das im Stil einer römischen Villa erbaut wurde, beleuchtet samtweicher Kerzenschein die Tischdekoration. Gatsby sinkt gerade satt und zufrieden in den Stuhl zurück, als ihm auffällt, dass sein Produzent die Crème Brûlée kaum angerührt hat.
»Ich kann mir nicht helfen, David, aber über irgendetwas scheinst du dir Sorgen zu machen«, sagt Fitzgerald und nimmt noch einen Schluck Zinfandel.
»Es ist dein neuer Film«, erwidert Dexter, dankbar für die Brücke, die sein Gesprächspartner ihm baut. »Ich habe einfach kein gutes Gefühl dabei, wie lax du die Sache angehst. Ich könnte besser schlafen, wenn du alles etwas sorgfältiger planen würdest. Du sagst, Speelburg hätte fünf Oscars bekommen, weil er improvisiert hat. Vielleicht hatte der Erfolg aber auch ganz andere Gründe. Zwischen zwei Tatsachen besteht nicht notwendig ein Zusammenhang.«
»Du bist ein kluger Kopf, David«, schmunzelt Fitzgerald.
»Im Ernst, Gatsby«, erwidert der Produzent eindringlich, »warum machst du es nicht besser so wie immer? Deine Filme waren stets erfolgreich. Ich schätze dich als einen erfahrenen Regisseur. Vertraue doch einfach auf deine Erfahrung und mach keine Experimente!«
»Lass mich dir eine kleine Geschichte erzählen«, entgegnet Fitzgerald. »Letztes Jahr nach Cannes war ich eine Woche auf der Insel Lanzarote im Atlantik. Sie wurde im Jahre 1730 durch einen Vulkanausbruch total zerstört. Stell dir vor, die Eruption dauerte mehr als 2000 Tage. Ohne Pause. Da wuchs nachher kein Grashalm mehr. Knapp 100 Jahre später passierte das Gleiche noch mal. Furchtbar. Inzwischen haben die Menschen überall an der Küste und auch im Inneren längst alles wieder aufgebaut und bepflanzt. Die Hauptstadt Arrecife ist wunderschön. Und überall auf der Insel findest du Kunstwerke von César Manrique. Es ist einfach herrlich und sehr inspirierend. Weite Teile der Insel bestehen dagegen immer noch aus Vulkanasche. Aber auch das ist inspirierend, denn wenn du dir die Lavagebiete näher ansiehst, entdeckst du mitten im Vulkangestein hier und da Gräser, Moose und kleine Pflanzen. Wo sich nachts der Tau in Senken sammelt, finden sich sogar Büsche und kleine Bäume. Und dann sind da wieder riesige Flächen, wo es nichts als Steine und Staub gibt.«
»Diese Geschichte sagt mir überhaupt nichts«, stöhnt Dexter.
»Das Leben ist überall auf dem Vormarsch. Aber nicht flächendeckend und berechenbar, sondern spontan, vereinzelt und weit verstreut. Irgendwann wird die ganze Insel wieder grün sein. Aber wann und wie kann keiner vorhersehen. Hier ist ein Grundprinzip der Evolution am Werk. Ein geordneter Zustand gerät völlig durcheinander. Dann entsteht spontan hier und da Neues, das sich vernetzt und schließlich stabilisiert. – Was folgt daraus? Da der Mensch Teil der Natur ist, verhalten sich soziale Systeme ganz ähnlich. Wenn Menschen etwas Neues schaffen sollen, etwa einen Film, kannst du endlos planen, wirst aber deine Planung immer wieder korrigieren müssen. Alternativ verlässt du dich auf das Prinzip der Evolution. Du mobilisierst die Leute und lässt die Dinge dann wachsen und sich festigen. Das ist Systemtheorie in der Praxis.«
»Du gehst also gar nicht kopflos vor, sondern folgst der Systemtheorie?«, fragt Dexter ungläubig.
»Exakt.« »Donnerwetter, Gatsby, alter Playboy! Ich bin sprachlos.« »Dann iss doch einfach deine Crème Brûlée auf«, schlägt Fitzgerald vor.
