Das Casting: ­ Die Kunst, alle Rollen optimal zu besetzen

Es ist spät am Abend auf dem Gelände von General Pictures. In dem leergeräumten Studio sitzen Gatsby Fitzgerald, seine persönliche Assistentin Donna Shalana, sein Regieassistent Michael Flint und weitere Teammitglieder schon den ganzen Tag in demselben Halbdunkel. An ihren in einer Reihe zusammengerückten Schreibtischen, auf denen Drehbuchauszüge, Laptops, Kaffeebecher und Pizzaschachteln von trüben Schreibtischlampen beleuchtet werden, scheinen sie die Zeit vergessen zu haben. Zwischen ihnen und einer schmutziggrauen Wand steht ein dunkelhaariger Anfangvierziger und hat gerade begonnen einen Text vorzutragen.

»Danke! Vielen Dank, Gary!«, ruft Fitzgerald dem Schauspieler zu. Dieser »Gary« antwortet mit einem irritierten Blick, während der Regisseur zu Donnas Laptop hinüberschielt. »Micky! Vielen Dank, Micky! Großartig, dass du hier warst. Vielen Dank. Wir melden uns bis Freitag.«

Als Micky durch die verschrammte Stahltür auf der rechten Seite verschwunden ist, lässt sich Gatsby Fitzgerald in seinem Bürosessel bis zum Anschlag der Mechanik zurückfallen und bittet um eine Pause. »Verdammt noch mal, Donna, die bringen es doch alle nicht!«, platzt Fitzgerald schließlich heraus, als er sich wieder aufgerichtet hat. »Die sind alle so – langweilig, leidenschaftslos, nichtssagend.« »Du bist wahrscheinlich bloß müde, Gats«, bemerkt Donna Shalana in aufgeräumtem Ton. »Vielleicht sollten wir morgen weitermachen und die anderen erst mal nach Hause schicken.«

»Ich weiß einfach noch nicht, wen ich für die Rolle haben will«, klagt Fitzgerald weiter, ohne auf den Vorschlag seiner Assistentin einzugehen. »Die Story ist doch die: Catherine wird verfolgt, dieser Typ begegnet ihr rein zufällig und verliebt sich in sie. Es könnte praktisch jeder sein und gerade das macht die Auswahl so schwierig.«

»Frag doch einfach Catherine, wen sie sich als Partner wünscht«, wirft Donna trocken ein.
»Ich weiß schon, was dann für Vorschläge kommen. Catherine verlangt 15 Millionen Dollar. Wir haben aufwändige Effekte. Ich brauche mein Geld noch für andere Sachen als Gagen. Nein, keine weiteren Stars. Wir müssen für Catherine einen Kerl unter den Typen finden, die da draußen Däumchen drehen. Ich gehe da jetzt mal hin.«

Als Fitzgerald sich unter die Schauspieler mischt, die in einem abgenutzten Raum an Tischen sitzen, rauchen oder im Drehbuch blättern, erregt er wenig Aufsehen. Gelangweilt warten die Leute auf ihren Auftritt. Da entdeckt er einen blonden jungen Mann in Jeans und T-Shirt, der in einer Ecke des Raumes wie ein Raubtier auf und ab geht. Kurz entschlossen stellt sich Fitzgerald ihm in den Weg, begrüßt ihn, erfährt, dass der Mann Nick heißt, und fragt ihn: »Hast du Lust, in meinem Film mitzuspielen, Nick?«

»Und ob ich Lust habe!«, antwortet Nick, ohne sich über die Frage zu wundern. »Eigentlich spiele ich gerade Theater in Chicago, aber als ich das Drehbuch gelesen habe, bin ich sofort hierher. Und dann soll ja auch noch Catherine Brentwood diese Geologin spielen. Die Frau ist einfach klasse! In die würde ich mich auch sofort verlieben.«

Donna Shalana ist Fitzgerald in den Aufenthaltsraum gefolgt. Grinsend dreht er sich zu ihr um: »Darf ich dir unseren neuen Hauptdarsteller vorstellen, Donna?«Donna zieht Fitzgerald am Ärmel zur Seite. »Bist du wahnsinnig, Gats?«, zischt sie leise. »Der Typ ist hübsch, aber höchs-tens 28. Catherine ist 49. Du weißt doch, wie die Leute in Texas ticken. Nachher boykottieren wieder …«

»Ach, was«, fällt Fitzgerald ihr ins Wort. »Wir probieren es einfach. Er will die Rolle, und er wird schon das Richtige daraus machen. Und wenn nicht, tauschen wir ihn einfach aus. Er heißt übrigens Nick.«
»Hi, Nick«, sagt Donna und lächelt dabei wie ein Cheerleader.